Geschichten

Norwegen 2012

Ende August ist es endlich so weit: ab in die Wildnis! Mein Dokumentarfilm hat nach fast zwei Jahren intensiver Arbeit endlich Premiere gefeiert. Er wird so aufgenommen, wie ich es mir bei meiner Arbeit daran erträumt habe. Die Menschen sind bewegt und inspiriert. Sie stellen die unterschiedlichsten Fragen und ich merke, dass die Veränderung, die sich in mir während der Reise vollzogen hat, auf das Publikum übergreift. Welch ein Geschenk!

Es war ein ereignisreicher Sommer und ich sehne mich danach, wieder an einem Ort zu sein, wo sonst nur wenige Menschen hinkommen, nach Ruhe, Stille, nach unberührter Natur.

Kurzfristig habe ich meine Wildnisausrüstung zusammen gepackt und komme mit einem großem Rucksack zur dritten und letzten Filmvorführung von „Im Fluss des Lebens“ ins Sankt Pöltener Cinema Paradiso zur Nachmittagseinlage. Ich bin aufgeregt, weil ich seit der Reise, auf der der Film entstanden ist, nicht mehr in der Wildnis unterwegs war. Diese Aufregung, die Freude über die fantastische Schönheit, mit der wir auf dieser Erde beschenkt werden, meine Dankbarkeit, all das überträgt sich auf das Publikum. An diesem Sonntag ist der Saal nur halbvoll, doch es ist wieder einmal sehr persönlich und beiderseitig inspirierend. Ich beantworte begeistert die Publikumsfragen und plötzlich läutet mein Handy-Wecker. Schnell verabschiede ich mich von lieben Freunden, die an diesem Tag nach Sankt Pölten gekommen sind, und dann geht’s los, im Stechschritt zum Bahnhof, hinein in den Zug, und ab nach Norwegen!

Ich war noch nie zuvor in Skandinavien und freue mich, dass es endlich, wenn auch nur für ein paar Tage, so weit ist. Das lange Zugfahren macht mir seit der Zeit in Lateinamerika nichts mehr aus. Vielmehr gibt es mir wieder einmal die Möglichkeit, mich langsam und bewusst dem Ziel zu nähern, in Stimmung zu kommen, mich schrittweise einer anderen Kultur und Lebensweise zu nähern. In Hamburg geht es in einen weiteren ICE nach Kopenhagen. Eine abwechslungsreiche Strecke: nach etwa einer Stunde fährt der Dieselzug in ein Schiff hinein und alle Passagiere werden gebeten auszusteigen. Am Schiff besteht ein reichhaltiges Angebot an: Duty Free Shopping. Mein Rucksack ist ohnehin schon vollbepackt mit Essen für mehrere Tage in der Wildnis, daher verzichte ich dankend auf Alkohol und Zigaretten ...

Die Fahrt ist nicht besonders aufregend, die größte Attraktion sind die vielen Off-Shore Windräder sowohl vor der deutschen als auch auf der dänischen Küste. Und die frische Luft. Bei insgesamt fast zwei Tagen Zugfahrt bin ich froh, mir im salzigen Wind die Beine vertreten zu können. Und schon geht es wieder hinein in den Schiffsbauch, wo der Zug wartet. Die Lock rollt weiter durch Dänemark und schließlich nach Göteborg.

Ich bin richtig fasziniert davon, noch immer in Europa zu sein und doch mit unterschiedlichen Währung bezahlen zu müssen. Allerdings bleibt einem hier oben im Norden das Geldwechseln erspart, in diesen Kreditkarten-Ländern. Sogar die Übernachtung auf einsamen Almhütten kann man, werde ich die nächsten Tage feststellen, mit Kreditkarte über ein sehr zuverlässiges und ausgeklügeltes System bezahlen, das ich im Nachhinein noch immer nicht ganz durchschaut habe, so ausgeklügelt ist es. Ich brauche nicht Umrechnen, wie viel die zwei Bier, die ich mir während meinem Aufenthalt in Göteborg genehmige, in Euro kosten. Ich zahle einfach mit Bankomat Karte.

Und dann geht’s weiter an einem traumhaft sonnigen Tag durch die schwedische Landschaftsidylle. Überall die typischen Holzbauten, die Häuser werden weniger, die Wälder mehr. 

Norwegen ist teuer! Richtig teuer! Die Übernachtung in meinem Hostel kostet ohne Frühstück umgerechnet xxx Euro. Aber ich bin froh über ein bequemes Bett und eine warme Dusche – schließlich weiß ich nicht, wann ich wieder die Möglichkeit haben werde, mich ausgiebig zu waschen. Früh am nächsten Morgen geht’s wieder zum Bahnhof. Gregor ist bereits einige Tage vorher losgefahren und in der Wildnis unterwegs. Wir haben vereinbart, uns bei Ankunft meines Zuges in Kongsvold am Bahnhof zu treffen.

Ich springe aus dem Zug und ein Nord-Amerikaner, der einsteigt, klatscht ab und wünscht mir alles Gute für die Tour mit meinem Weggefährten. Wir sind beide abmarschbereit und gehen direkt vom Bahnhof auf den Wanderweg, der uns in den Dovrefjell Nationalpark führen soll, da wo es noch urige zottelige Moschusochsen gibt. Mittelsteil geht es bergauf, und wir sind beide guter Dinge und freuen uns über das Wiedersehen. Der Weg ist spärlich gekennzeichnet. Wir reden viel, mehr als sonst beim Wandern. Und auf einmal haben wir den Weg verloren! Der Pfad, den wir ab nun über das karge Hochplateau verfolgen, ist nicht mehr gekennzeichnet, aber zumindest anfangs noch gut ausgetreten. Gregor, der sonst nie Wetterberichte verfolgt, erklärt mir, dass der Sonnenschein heute bis zum Nachmittag durchhalten soll. Erst später würden ein paar Millimeter Niederschlag fallen. Es zieht mehr und mehr zu. Die Markierung wird immer weniger, bis schließlich überhaupt kein Weg mehr da ist. Der wird wohl weiter oben an der Kante sein, meinen wir, und marschieren weiter, oberhalb des Flussverlaufs. Es wird immer windiger, dunkler und schließlich fallen die ersten Tropfen. Schon bald ist der Boden sumpfig. Mit jedem Schritt sinken wir mehr ein, doch zum Glück treibt uns der Rückenwind an – in die falsche Richtung. Auf einmal bemerkt Gregor, dass der Bach weiter unten im Tal in unsere Marschrichtung fließt, doch laut Karten sollten wir flussabwärts gehen. Im peitschenden Regen packen wir noch einmal unsere Karten aus und erkennen, dass wir tatsächlich in ein falsches Tal eingebogen sind. Also heißt es, die Stunde, die wir bei Rückenwind marschiert sind, wieder zurück zu gehen. Der Regen prasselt weiter vom Himmel, der Wind weht nun ins Gesicht und es wird immer sumpfiger. Ich habe mir gewünscht, endlich wieder Natur zu „spüren“. Voilá! Nach zwei Stunden Wanderung spüre ich sie. Und wie. Bereits jetzt merke ich, dass ich bei diesen Bedingungen mit einem großen leicht an meine Grenzen komme. Als wir endlich wieder am Weg sind müssen wir uns entscheiden, ob wir nun noch über vier Stunden weiter marschieren bei diesem Wetter bis zur Hütte, wo wir ursprünglich hin wollten, oder unseren Plan ändern. Ich entscheide mich für Planänderung. Ich fürchte, dass ich sonst bereits am Abend völlig am Ende bin und die nächsten Tage nicht mehr in guter Verfassung bin. Ich brauche anscheinend etwas Zeit, um mich zu akklimatisieren und kann nicht gleich Vollgas losstarten, wenn ich in die Wildnis hinausziehe. Gregor ist da anders.

Er verzichtet darauf, die Moschusochsen zu besuchen, worauf er sich sehr gefreut hat. Auf dieser Reise wird er nur ein Foto von einem Foto machen können, doch wir beschließen, diese Tage zusammen zu wandern.

Die unterschiedlichen Naturelle zeigen sich wieder einmal als Herausforderung des gemeinsamen Unterwegsseins. Es soll für beide passen, ohne ständig Kompromisse schließen zu müssen und doch muss ich mich auf den anderen einlassen, wenn man ein Stück des Weges gemeinsam gehen möchte. 

Wir fahren mit dem Zug und Bus noch ein Stück weiter nach Nordwesten und erreichen spät am Abend in der Dunkelheit die gemütliche Hütte , wo eine Wandergruppe erst kurz vor unserer Ankunft schlafen gegangen zu sein scheint. Ein paar Chips stehen noch am Tisch, und der Ofen ist herrlich warm einheizt. Wir können uns einfach ausziehen, die nasse Kleidung zum Trocknen aufhängen und ins Bett fallen. Was für ein Geschenk nach diesem anstrengenden ersten Tag.

So wie es für mich begonnen hat, geht es weiter: anstrengend. Ich habe von den nassen Schuhen, bevor ich richtig warm gegangen war, eine riesengroße Blase an der rechten Ferse. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für die 1000 Höhenmeter, die es steil bergauf geht, mit dem schweren Rucksack, der jeden Schritt zusätzlich erschwert. Gleichzeitig möchte ich Gregor nicht bremsen. Er hat durch sein langjähriges Unterwegssein scheinbar keine Schwierigkeiten mit dem Gepäck. Ich schon. Doch ich brauche mich auch nicht an ihm zu messen. Wir haben entschieden, zusammen ein paar Tage zu gehen. Auch wenn er gern schneller gehen würde, und ich ohne Schmerzen. Die eigentliche Herausforderung ist es, mit unterschiedlichen „Talenten“ und Qualitäten ausgestattet unterwegs zu sein und zu erkennen, wie wir einander bereichern können. Das noch schwieriger, wenn auf Grund meiner körperlichen Angeschlagenheit meine starken Seiten kaum zum Vorschein kommen können. Doch es wird gerade nicht zur Qual. Ich bin unendlich dankbar für diese atemberaubende Natur. Es ist nur ein kurzer Ausflug in den hohen Norden und ich weiß bereits jetzt, dass ich wieder kommen werde. Die Sonne scheint, das Wasser plätschert in großen Bächen über die Felsen, die weiten Wiesen sind leer. Norwegen ist dünn besiedelt und menschliche Spuren nur wenige zu finden. Genau das genieße ich hier so sehr! 

Am zweiten Abend schlagen wir unsere Zelte auf, etwa eine halbe Stunde bevor wir eine bewirtschaftete Hütte erreichen. Ich kann nicht mehr weiter. Mir ist übel vor Anstrengung, da ich den ganzen Tag unter Schmerzen gegangen bin, und doch bin ich glücklich. Glücklich darüber, auf diesem einzigartigen Planeten zu leben. Darüber, mit einem so wunderbaren Menschen die Schönheit auf dieser Wanderung teilen zu können. Darüber, dass meine Füße mich tragen – auch wenn es leichter gehen könnte.

Ich verstehe nicht, warum es an diesen Tag so anstrengend ist, aber ich merke, je weniger ich die Anstrengung in Frage stelle, desto weniger wird sie!

In dieser Nacht schlafe ich tief und fest. Am nächsten Tag geht alles viel leichter. Wir frühstücken Waffeln in der bewirtschafteten Hütte, marschieren durch weite Birkenwälder, vorbei an Flüssen, leerstehenden Holzhütten mit Grasdächern und machen Mittagsrast tief unten in einem schluchtartigen Tal, in dem sieben (!) Wasserfälle zusammen kommen. Stundenlang könnte ich dem Wasserrauschen lauschen. Doch noch einmal geht es steil bergauf, vorbei an einem der Wasserfälle, der von der Kante eines Hochplateaus weit hinunter stürzt, bis wir schließlich Gammelsaetra erreichen, eine der ältesten Almen Norwegen, die vor einigen Jahren originalgetreu wieder errichtet wurden. An die Holzwand einer der Hütten gelehnt genießen zwei Männer, die wir auch zwei Tag zuvor in xxx getroffen haben, ein kühles Bier. Jens wärmt gleich für uns Wasser, damit wir uns waschen können. Was für ein Service. Wir verbringen zu viert einen lustigen Abend in der Hütte, wo es so wenig gibt, aber doch alles, was man zum Leben braucht! Jens sorgt dafür, dass genügend Kerzen und Petroleumlampen in der Hütte brennen, während Kjell und ich gemeinsam kochen. Wasser gibt es von einer Quelle zu holen. Die Hütten sind mit ausreichend Lichtquellen ausgestattet, mit Gasflaschen, Geschirr und Proviantlager. Der Schein der Lampen verleiht den Häusern in ganz Norwegen von außen einen mystischen Schimmer.

Leider geht die Reise auch schon wieder zu Ende, gerade als ich warm werde. Wir marschieren den ganzen nächsten Tag raus aus dem Tal, und passieren allmählich mehr und mehr Jagd- und Sommerhäuser. Wir träumen von den vielen Möglichkeiten, die sich mit diesen einfachen und so wunderschönen Häusern leben lassen.

Inspiriert, dankbar für die Gastfreundschaft der Norweger, erschöpft und zugleich voller Kraft fahren wir zwei Tage lang Richtung Heimat. Auch wenn wir nicht ununterbrochen reden, so ist es schön, die Eindrücke in Gedanken Revue passieren lassen, neben einem Menschen, der diese Erlebnisse teilt. 

Im Herbst bin ich viel unterwegs, immer wieder allein, dann wieder gemeinsam; meist mit dem Zug, aber auch einmal wieder mit dem Flugzeug, da ich mir einen dichten Zeitplan mit Filmvorführungen und Filmfestivals eingeteilt habe. So verbringe ich weniger als 24 Stunden in Barcelona, und als ich am nächsten Tag wieder in München lande, bemerke ich, dass ein Teil von mir noch hier ist. Ich habe mir nicht einmal die Zeit genommen, überhaupt anzukommen.

Für viele Menschen ist dieses Leben Alltag. Ich merke, wie es mich verwirrt. Ich nutze durchaus gern die Vorzüge unserer modernen Welt, und doch merke ich, dass es gilt, achtsam mit den Dingen umzugehen, einen natürlichen Rhythmus zu finden, der dem Tempo von uns Lebewesen auf dieser Erde entspricht. Auch in Norwegen war ich weniger als eine Woche, und doch haben mich die Tage dort oben gestärkt, einen kleinen Eindruck von einem faszinieren Land, dessen Kraft ich nicht in Worte fassen kann. Irgendwann werde ich wieder kommen ...

 

  • MONTE SALVADO

    Helfen wir gemeinsam der Ureinwohner Gemeinde im peruanischen Regenwald zu einer autonomen Existenz und damit den nicht-kontaktierten indigenen Völkern
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